
Sinéad Marie Bernadette O’Connor (8.12.1966 – 26.07.2023) war eine irische Sängerin, Songschreiberin und Aktivistin. Ihren internationalen Durchbruch hatte sie 1990 mit dem Song „Nothing Compares 2 U“.

Im Oktober 1992 wurde sie für verrückt erklärt, weil sie live im Fernsehen ein Foto von Papst Johannes Paul II zerrissen hatte und dabei sagte „Kämpfe gegen den wahren Feind“. Die Gegenreaktion erfolgt sofort und war brutal. Sie war fortan die geistig verwirrte Sängerin Sinead O’Connor, die nicht mehr zu den großen Veranstaltungen eingeladen wurde.
Was die Welt nicht wusste, war, dass das Foto ihrer Mutter gehörte, einer Frau, die nicht immer fürsorglich zu Sinead gewesen ist. Richter stuften das Verhalten der Mutter von Sinead später sogar als „extrem barbarisch“ ein. Und diese Mutter hatte dieses Bild des Papstes in ihrem Schlafzimmer hängen, während sie zeitgleich unsagbare Taten mit ihrem Kind Sinead beging.
Mit 15 wird Sinéad O’Connor in eine von Nonnen betriebene Erziehungsanstalt geschickt. Das Gebäude war einst eine Wäscherei gewesen, einer jener Orte, an denen irische Frauen eingesperrt und zur Arbeit gezwungen wurden, weil sie unverheiratete Mütter waren oder einfach nur „schwierig“ waren. Obwohl die Wäscherei offiziell geschlossen war, wanderten ältere Überlebende immer noch in spukloser Stille durch die Korridore.
Als Sinéad sich schlecht benahm, ließen die Nonnen sie zur Strafe im Hospizflügel neben sterbenden Frauen schlafen. „Um mich daran zu erinnern“, schrieb Sinead später, „dass ich, wenn ich mich nicht benehmen würde, wie sie enden würde.“
Aber etwas Bemerkenswertes geschah in dieser Dunkelheit. Ein Helferin hörte sie singen und legte ihr eine Gitarre vor die Füße. Mit zwanzig Jahren hatte Sinead ein Album veröffentlicht, das Kritiker weltweit zum Staunen brachte. Mit dreiundzwanzig Jahren machte sie mit dem Song „Nothing Compares 2 U“ einen Hit, welcher ihre Stimme weltweit bekannt machte.
Dank dieser Reichweite setzte sie sich nun für die unbequeme Wahrheit bezüglich Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ein. Die Welt war aber noch nicht bereit dazu, diese Wahrheit zu verkraften. Irgendwie war es einfacher, Sinead als Verrückte zur Seite zu schieben.
Sie wurde von Radiosendern verbannt, zu großen Veranstaltungen nicht mehr eingeladen, eingeschüchtert und bedroht. Frank Sinatra sagte öffentlich, er wolle „sie in den Arsch treten.“ Bei einem Tribute-Konzert für Bob Dylan buhte die aufgebrachte Menge Sinead so laut aus, dass sie ihren Song nicht zu ende spielen konnte. Sie wurde plötzlich zur Gejagten (besonderer Dank an die Medien). „Es war in Mode, mich schlecht zu behandeln“, reflektierte Sinead, „weil ich das Bild des Papstes zerrissen habe.“ Für diese Tat hat sie sich nie entschuldigt. Nicht ein Mal.
Der Ruhm hatte sie sowieso irgendwie erdrückt. Sinead wollte nicht der Sternchen-Star sein, nach welchem die Medien eifrig suchten. Auf seltsame Weise wurde der Skandal so zu ihrer Befreiung. Von allen gehasst zu werden verschafft einem die Freiheit, das machen zu können, was man wirklich will. In der Kunst ist das sehr wichtig.
Und so sprach Sinead weiter über unbequeme Wahrheiten. Sie versuchte Licht in dunkle Kreise zu bringen und kehrte dem Glamur den Rücken. Sie sprach öffentlich über psychische Krankheiten, zu einer Zeit, als Promis das in der Öffentlichkeit nicht taten. Sie konvertierte zum Islam und fand Frieden im Glauben zu ihren eigenen Bedingungen. Sie veröffentlichte immer wieder Musik, die die Seelen der Menschen bewegte, selbst als die große Musikindustrie ihr den Rücken kehrte.
Im Januar 2022 stirbt ihr siebzehnjähriger Son Shane, als er wegen Suizidgefahr in einem Krankenhaus zur Beobachtung eingeliefert war. Dieser verschwand dort einfach und wurde erst einige Tage später entdeckt. „Er war die Liebe meines Lebens“, schrieb sie. „Wir waren eine Seele in zwei Hälften.“
Achtzehn Monate später, am 26.07.2023, stirbt Sinéad O’Connor mit sechsundfünfzig Jahren.
Und plötzlich wachte die Welt auf.
Die Entschuldigungen häuften sich. Ihre Taten wurden plötzlich doch anerkannt von Personen, die sich zuvor gegen sie ausgesprochen hatten. Irlands Präsident nahm an ihrer Beerdigung teil. Tausende säumten die Straßen von Dublin, um sie zu ehren. Und genau die Institutionen, die Sinead verunglimpft hatten, lobten jetzt plötzlich ihren Mut.
Sie hatte mit allem Recht gehabt: dem Missbrauch, der Vertuschung, die öffentlichen Institutionen, die darin involviert waren. Sinead hatte einen unerträglichen Preis dafür bezahlt, die Wahrheit zu sagen, bevor die Welt dafür bereit war. Sinéad O’Connor wurde ausgegrenzt und für verrückt erklärt. Doch sie war nicht verrückt. Sie war prophetisch.
Sie war eine Überlebende, die unsäglichen Schmerz in transzendente Kunst verwandelte. Eine Mutter, die von ganzem Herzen geliebt hat. Ein Wahrheitserzähler, der sich weigerte, sich zu verbeugen. Eine Stimme, die lange nachdem wir alle weg sind, noch immer erklingen wird.
In ihren Memoiren schrieb sie über diese Geschichte: „Es tut mir nicht leid, dass ich es getan habe Es war genial.“
Dass die Wahrheit unbequem ist, wissen wir alle. Aber Sinead ging noch einen Schritt weiter. Sie sagte, dass Schweigen eine schlechte Tugend sei, die dazu führt, dass man dadurch ein Komplize des Bösen werden würde. Die Wahrheit muss ausgesprochen werden, auch wenn sie dazu führt, dass man sich unbeliebt macht.

Sinead O’Connor, ich werde Dich ewig lieben! Einfach dafür, dass Du so warst, wie Du warst. Unbequem, kantig, klug und sexy.
