wer bin ich

Die ständige Angst, sein Hab und Gut zu verlieren, diese Angst verschwindet erst dann komplett, wenn man nichts mehr hat, was man verlieren kann. So ist das auch bei einer Arbeitsstelle. Erst wenn Du keine Arbeit mehr hast, hast Du auch keine Angst mehr davor, diese Arbeitsstelle zu verlieren.

Doch diese Angst war es nicht, die mich zu dem werden lassen hat, der ich heute bin. Es waren die gesammelten Erfahrungen. Dazu gehört Mobbing, Lohnprellerei und unwürdige Arbeit als Zeitarbeiter.

Mobbing raubt einem die Lust am Arbeiten. Ich habe zuerst gar nicht gepeilt, was da abgeht. Ich muss der mobbenden Person hoch anrechnen, dass sie einen sehr feinen Mobbing-Kurs gefahren ist. Es war eine wirklich intelligente Kriegsführung. Sehr clever und geschickt.

Lohnprellerei nimmt einem die Motivation. Ich habe die Erfahrung machen dürfen, dass mir mein Lohn überhaupt nicht bezahlt wurde und ich habe erleben dürfen, wie ich mehrere Monate auf mein Azubi-Gehalt warten musste. Das ist sehr uncool.

Mit unwürdiger Arbeit meine ich bsw die Arbeit als Zeitarbeiter in einer Plastikspritzguss-Firma. Dort herrschte der übelste und ungesündeste Verbrannte-Plastik-Geruch, den man sich vorstellen kann. Dann sind die Temperaturen relativ hoch, da Plastik durch Druck und Wärme geformt wird. Eine laute Geräuschkulisse ist da. Die Arbeitszeiten sind schlecht: Frühschicht, Spätschicht und Nachtschicht. Und der Lohn war der niedrigste Lohn, den ich jemals bekommen habe (Basistarif von 7,79 Euro pro Stunde anno 2011/2012).

Ich bin nicht faul und habe mich schon geschunden und nicht geschont, als Helfer eines Landschaftsgärtners zum Beispiel. Als Landschaftsgärtner war meine Gesundheit nicht gefährdet (im Gegensatz zur Arbeitsstelle in der Plastikspritzguss-Firma) und der Lohn (10,- Euro/Stunde) war ebenfalls besser. Dazu war das Arbeitsklima gut. Als Zeitarbeiter stimmte nichts.

Was viele nicht wissen: die Firmen, in welchen man als Zeitarbeiter eingesetzt wird, die schämen sich dafür, dass sie Zeitarbeiter einsetzen. Die Zeitarbeiter werden dort von den Aufenthaltsräumen der Festangestellten ausgeschlossen. Und auch sonst ist man als Zeitarbeiter ein Ausgestoßener. Man kann sich unmöglich mit seiner Arbeit identifizieren. Ich kann nicht verstehen, wie man als Zeitarbeiter mehrere Jahre arbeiten kann.

Als ich als Zeitarbeiter in einem Plastikspritzguss-Unternehmen am Förderband die frisch gepressten Artikel in Kartons einsortierte, sagten mir die Kollegen, ich müsse schneller arbeiten. Ich entgegnete, dass ich genau richtig arbeite und dass es die Maschine wäre, die zu schnell arbeite. Vielleicht, so sagte ich, müsse man sie einfach abschalten. Für diese Äußerung erntete ich entsetzte Blicke der Angestellten, das war unbezahlbar.

Wie konnte ich nur eine so wahnsinnige Idee äußern. Das Abschalten der großen Maschinen hätte bedeutet, dass man sie vor erneuter in Betriebnahme hätte reinigen müssen, was wohl fast eine Stunde gebraucht hätte. Doch ich legte nach und erklärte „Der Mensch hat die Maschinen erfunden, dass diese dem Menschen dienen und nicht umgekehrt!“. Meine Philosophie war wohl mit der Firmenphilosophie nicht kompatibel und so blieb ich nur kurz in dieser Firma, was sehr in meinem Sinne war.

All meine negativen Erfahrungen in der Arbeitswelt haben eigentlich immer dieselbe Grundlage: mangelnden Respekt mir gegenüber. Eine Arbeitsstelle, wo man für seine Arbeit geschätzt wird und man respektiert wird, ist alles, worauf es mir ankommt. „Geschätzt werden“ im zwischenmenschlichen Umgang, beim regelmäßgen Lohn und mit einem angemessenen Lohn.

Ich gehöre zu den Wenigen, die ihr Hartz-4-Dasein immer sehr genossen haben. Ein unbekümmertes Leben frei von Stress und Mobbing. Sicher, immer dieser akute Geldmangel und dann die Pflichtbesuche auf dem Amt und die nervigen Pflichtbewerbungen, aber who cares? Stress und Mobbing ist schlimmer. Um Stress und Mobbing zu vermeiden, nahm ich sogar die vielen Maßnahmen in Kauf, zu welchen man regelmäßig vom Jobcenter gezwungen wird.

Als mir damals meine Ausbildungsvergütung nicht mehr bezahlt wurde, wurde mir das Gas abgestellt. Lesen Sie hierzu diesen Brief. Um trotzdem warm duschen zu können, mischte ich mir damals immer mit dem Wasserkocher einen Eimer mit lauwarmem Wasser an, welchen ich mir dann auf elegante Art und Weise so über den Kopf schüttete, dass ich überall genügend Wasser abbekam. Welch eine Zeremonie.

Ich zog meine Abschlussprüfung ein halbes Jahr vor, damit das berufliche Leiden (Mobbing und kein Azubigehalt) ein Ende hatte und meldete mich erst einmal Arbeitslos.

Auf dem Berliner Arbeitsamt empfing man mich aber nicht mit offenen Armen. Ich kam nicht zu meinem Recht. Ich wurde nicht ernst genommen. Ich saß vor den Damen des Amtes und erzählte, dass ich nichts mehr zu essen zuhause hätte, was ja auch stimmte, musste aber über diese Situation schmunzeln, was mich irgendwie unglaubwürdig machte. Man ließ mich eiskalt auflaufen.

Ich erinnere mich an einen Tag, wo ich der Angestellten des Arbeitsamtes Berlin gegenüber saß und diese mir sagte, dass sie nicht für mich zuständig sei. Ich sagte doch, sie wäre für mich zuständig. Da meinte sie nein und ich ginge ja eh Schwarzarbeiten. Ich war am Ende. Ich sagte nein, ich gehe nicht Schwarzarbeiten. Da meinte sie, dass ich das erst einmal beweisen müsse. Daraufhin sagte ich: gut, dann bleibe ich hier bei ihnen einfach den ganzen Tag sitzen, so könne ich es beweisen. Zuhause gäbe es bei mir ja eh nichts mehr zu essen. Daraufhin meinte sie, ich solle mal nicht so übertreiben.

Ich war in Not und wusste mir nicht mehr zu helfen. So ging ich zur nächsten Polizeistation. Beim Betreten der Wache fiel mir ein Plakat auf, welches vor Einbrüchen warnte. Es ging um das Vermeiden von Einbruchen. Dort stand ganz groß „Vorbeugen“ darauf. Dieses Wort griff ich auf und sagte zu dem Beamten, dass ja auch Vorbeugung zu den Aufgaben der Polizei gehöre und ich auf dem Amt unmittelbar kurz davor stünde, eine Straftat zu begehen.

Als ich dies sagte, musste ich wieder über die gesamte Situation schmunzeln, obwohl es mir eigentlich bitterernst war. Doch der Beamte bemerkte mein Schmunzeln und sagte „Sie lachen ja noch!“ Man gab mir den Tipp, dass wenn mich die Sachbearbeiterin auf dem Amt nicht ernst nehme, ich doch ihren Vorgesetzten verlangen solle. Dies war sehr nett gemeint, aber wenn man sich elend und klein fühlt, verlangt man nicht den Vorgesetzten. Ich war zu dem Zeitpunkt einfach eine gescheiterte One-Man-Army.

Mein Ziel war es, mindestens einen Polizisten dazu zu bringen, mit mir auf das Amt zu gehen, damit ich dort respektvoll behandelt werde und zu meinem Recht komme. Doch dieses Vorhaben klappte nicht.

Mit letzter Kraft rettete ich mich 2004 vom kalten, harten Berlin wieder zurück in die Heimat ins Schwabenländle. Dort hatte ich Freunde und Bekannte, also ein soziales Umfeld und konnte bei Gartenarbeiten, Mauern bauen oder Umzügen helfen. Ich fühlte mich hier nicht mehr so einsam. Dazu wurde ich auf den Ämtern besser und respektvoller behandelt, als in Berlin.

Wir sind alle das Produkt unserer Umwelt.